Konzepte und Begriffe

Im Folgenden stellen wir das wissenschaftliche Verständnis der von uns verwendeten Konzepte und Begriffe dar.

Lebensqualität: Ein kurzer Überblick

Das Konzept von Lebensqualität erlangte nach einem ersten Aufkommen in der Wohlfahrtsökonomie der Zwischenkriegszeit (z.B. Arthur C. Pigou „Economics of Welfare“, 1920) in den 1960er und 1970er Jahren in den USA und in Europa an Bekanntheit. Das Wiederaufleben des Konzepts in den USA und Europa in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts basiert vermutlich auf folgender Erkenntnis: Materieller Wohlstand garantiert nicht gleichzeitig eine hohe Lebensqualität – und hat sehr wenig mit persönlich empfundenen Lebensglück zu tun.

Die politische Debatte bezüglich Lebensqualität wurde in den 1970er Jahren durch die Öl- und Wachstumskrise jedoch abermals unterbrochen. Danach entwickelten sich zwei wichtige Traditionen empirischer Beobachtung und Analyse von Wohlbefinden und Lebensqualität: die skandinavische Tradition der Wohlstandsforschung und die amerikanische Lebensqualitätsforschung.

Die skandinavische Schule betrachtet den Bürger als ein aktives und kreatives Wesen und als den unabhängigen Bestimmer seiner eigenen Ziele. Ressourcen sind lediglich Mittel, um diese Ziele zu erreichen (Thålin 1990). Lebensqualität wird ausschließlich durch objektive Indikatoren gemessen – hier existieren Ähnlichkeiten zum Konzept der Verwirklichungschancen (engl. capabilities) von Amartya Sen. Verwirklichungschancen beschreiben die Möglichkeiten und Fähigkeiten von Menschen, Ressourcen zu nutzen und in ihr Wohlergehen umzusetzen. Sen wurde 1998 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Die amerikanische Schule ist stark von der Sozialpsychologie und von der Beforschung psychischer Gesundheit, die die subjektiven Erfahrungen betont, beeinflusst. Hedonisches well-being (siehe unten) ist der prinzipielle Maßstab an dem Aktionen und gesellschaftliche Entwicklung gemessen werden. Da Lebensqualität direkt von Menschen erfahren wird (Campbell 1972), sind diese die besten ExpertInnen für die Beurteilung ihrer individuellen Lebensqualität. Die amerikanische Schule verwendet subjektive Indikatoren für die Messung von Lebensqualität, wie z.B. Glück oder well-being.

Well-Being (Wohlbefinden)

Unter den zahlreichen Definitionen des Begriffs well-being (z.B. Dodds 1997), beziehen wir uns auf die dauerhafte und generelle Zufriedenheit mit dem eigenen Leben. Die psychologische Literatur (Westerhoff und Keyes 2008) unterscheidet zwischen hedonischem und eudaimonischem Wohlbefinden (Samman 2007). Hedonisches Wohlbefinden ist ein mehrdimensionales Konzept, das sich sowohl auf die kognitiven Bewertungen des eigenen Lebens im Allgemeinen (z.B. Lebenszufriedenheit), als auch auf dessen positive und negative Gefühle (Diener 1984; Diener et al. 1999) bezieht. Die meisten ökonomischen Theorien beziehen sich bei der Messung von Glück und Wohlbefinden auf eben dieses hedonische Wohlbefinden. Das zweite Konzept von well-being geht auf Aristoteles zurück, für welchen die Verwirklichung von Tugenden essentiell für ein gutes und sinnstiftendes Leben war. Gegenwärtige Literatur unterteilt eudaimonisches well-being in psychologisches und soziales well-being. Die Psychologin Ryff definierte sechs Elemente positiver Funktionen, aus denen sich psychologisches well-being zusammensetzt: Selbstakzeptanz, persönliche Entwicklung, Lebensinhalt, ökologische Sensitivität, Autonomie und positive Beziehungen zu anderen (Ryff 1989; Ryff und Keyes 1995). Die fünf Dimensionen sozialen well-beings nach Keyes (1998) lauten: soziale Akzeptanz, soziale Verwirklichung, sozialer Beitrag, soziale Kohärenz und soziale Integration.

Psychische Gesundheit wird von der WHO (2004, S.12) als „ein Zustand von Wohlbefinden, in dem das Individuum seine oder ihre eigenen Fähigkeiten erkennt, die alltäglichen Stressfaktoren des Lebens bewältigt, produktiv und nutzbringend arbeitet und fähig ist, einen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten.“ definiert. Die drei Schlüsselelemente in dieser Definition sind (1) well-being, (2) effektives Funktionieren für das Individuum und (3) effektives Funktionieren für die Gemeinschaft (WHO 2004). Keyes (2005) versucht einen integrativen Ansatz in seiner Definition. Er versteht „menschliches Erblühen“ (engl. ‚human flourishing’) als einen Zustand, in dem Individuen ein hohes Niveau an emotionalem Wohlbefinden erreichen, gekoppelt mit einem optimalen Level an psychologischem und sozialem Funktionieren. In der Forschung wurden die Verbindungen zwischen hedonischem und eudaimonischen well-being bis jetzt jedoch nicht ausreichend untersucht, um genaue Erklärungen der Beziehung zu liefern (Westerhofen und Keyes 2008).

Bedürfnisse werden zumeist als wesentliches Element hedonischen well-beings verstanden – die momentane Erfüllung von Bedürfnissen und die daraus entstehenden positiven Gefühle. Bedürfnisse besitzen jedoch auch eine wichtige Funktion für eudaimonisches well-being. Ihre Erfüllung wirkt positiv auf die physiologische, psychologische und soziale Gesundheit. Weiters kann die Erfüllung von Bedürfnissen als Prozess verstanden werden, in dem Menschen ihre Potentiale entfalten.

Lebensqualität als Prozess

In den letzten Jahren haben Versuche, die beiden (skandinavisch und amerikanisch) Ansätze von Lebensqualität zu kombinieren, zu Konzepten geführt, die Lebensqualität einerseits durch objektive Komponenten (z.B. verfügbare Ressourcen; Einkommen; die Fähigkeiten, die Bedürfnisse mit diesen Ressourcen zu erfüllen) und andererseits durch subjektive Komponenten (bezogen auf das subjektive Wohlbefinden einer Person) zu definieren (Zapf 1984). Die objektiven Bedingungen werden im Allgemeinen als konstituierend für die subjektive Wahrnehmung betrachtet. Dieses integrierte Lebensqualitäts-Konzept bietet einen ganzheitlichen und umfassenden Ansatz für die Beobachtung materieller und nicht-materieller Werte.

Wir verwenden diesen ganzheitlichen Ansatz, in dem Lebensqualität sowohl aus objektiven, als auch aus subjektiven Komponenten besteht. Die folgende Grafik bildet unser Verständnis von Lebensqualität in Zusammenhang mit nachhaltiger Entwicklung ab.

Die zentralen Merkmale dieses skizzierten Kreislaufs:

  • Lebensqualität wird in einem zirkulären, dynamischen Prozess generiert, der die objektiven Fähigkeiten für Wohlergehen durch Strategien und Bedürfnisse mit dem subjektiven Wohlbefinden verbindet.
  • Verwirklichungschancen erfordern Ressourcen im weitesten Sinn und die Freiheit, auf diese zuzugreifen. Strategien werden innerhalb der zur Verfügung stehenden Verwirklichungschancen ausgewählt und basieren auf Werten, die mit dem kulturellen Hintergrund eines Individuums in Verbindung stehen.
  • Erfüllte Bedürfnisse an sich resultierten nicht notwendigerweise in einer hohen Lebensqualität – es geht vielmehr um die subjektiv wahrgenommene Erfüllung, die Menschen individuell in Wohlbefinden übersetzen.
  • Eudaimonisches Wohlbefinden bedeutet, dass Menschen ihre Potentiale entwickeln und sich so ihren Raum an Verwirklichungschancen vergrößern (ein Prozess, der meist als sinnvolle Entwicklung bezeichnet wird). Durch diese Verbindung schließt sich der Kreis zu den Verwirklichungschancen. Hedonisches Wohlbefinden (positive Gedanken und Gefühle) unterstützt diesen Prozess, kann für sich diese Verbindung aber kaum herstellen. Eine alleinige Fixierung auf hedonisches Wohlbefinden führt kann leicht zum Symptom der „hedonischen Tretmühle“ (Binswanger 2006) führen.
  • Nachhaltige Entwicklung ist ein Wert bezogen auf den Lebensinhalt und bewirkt (abhängig von der Kultur) eine Priorisierung von Bedürfnissen bzw. lenkt die Auswahl von Strategien.

Literatur

  • Campbell, A., 1972. Aspiration, Satisfaction and Fulfillment. In: A. Campbell, Ph. Converse (eds): 441-446.
  • Diener, E., 1984. Subjective well-being. Psychological Bulletin 95, 542-575, cited in Westerhof and Keyes 2008.
  • Diener, E., Suh, E.M., Lucas, R., Smith, H.L., 1999. Subjective well-being: Three decades of progress. Psychological Bulletin 125, 276-302, cited in Westerhof and Keyes 2008.
  • Dodds, W.K. (1997) Interspecific interactions: constructing a general neutral model for interaction type. Oikos, 78, 377–383.
  • Frühmann, J., Grünberger, S. und Omann, I. (2010). Strategien mit Mehrwert – Bedürfnisse als Schlüssel zu einer nachhaltigen Lebensqualität. In: Der Ausbruch aus dem Hamsterrad. Werkzeuge zur harmonischen und befriedigenden Verbindung von Leben und Arbeit. Fuchs Anneliese, Kaiser Alexander (Hrsg.). Böhlau Verlag.
  • Keyes, C.L.M., 1998. Social well–being. Social Psychology Quarterly 61, 121-140, cited in Westerhof and Keyes 2008.
  • Keyes, C.L.M., 2005. Mental illness and/or mental health? Investigating axioms of the complete state model of health. Journal of Consulting and Clinical Psychology 73, 539-548, cited in Westerhof and Keyes 2008.
  • Rauschmayer, F., Omann, I., Frühmann, J. (2010). Needs, capabilities, and quality of life. Re-conceptualizing Sustainable Development. In: Rauschmayer, F., Omann, I., Frühmann, J. (eds.) (2010): Sustainable Development: Capabilities, needs, and well-being. Routledge.
  • Ryff, C.D., 1989. Happiness is everything, or is it? Explorations on the meaning of psychological well-being. Journal of Personality and Social Psychology 57, 1069-1081, cited in Westerhof & Keyes 2008.
  • Ryff, C.D., Keyes, C.L.M., 1995. The structure of psychological well-being revisited. Journal of Personality and Social Psychology 69, 719-727, cited in Westerhof and Keyes 2008.
  • Samman, E., 2007. Psychological and Subjective Well-being: A Proposal for Internationally Comparable Indicators. Oxford Development Studies 35, 4, 459-486
  • Thalin, M., 1990. Politics, Dynamics and Individualism – The Swedish Approach to Level of Living Research. In: Social Indicators Research, 22: 155-180.
  • Westerhoff, G.J., Keyes, C.L.M., 2008. Positive mental health: From happiness to fulfillment of potentials. Presentation given at ‘Happiness and Capability: Measurement, Theory and Policy’ in Radboud University Nijmegen / Ravenstein, 22.-23.08.08.
  • World Health Organization, 2004. Promoting mental health: Concepts, emerging evidence, practice (Summary report). Geneva: WHO.
  • Zapf W., 1984. Individuelle Wohlfahrt. Lebensbedingungen und wahrgenommene Lebensqualität. In: Glatzer W. und Zapf W. (Hrsg.): Lebensqualität in der Bundesrepublik. S.13-26. Campus – Frankfurt am Main.